Wagen oder klagen (3) Effect.... und was wirst du wenn du mal groß bist? - Teil 1

July 12, 2017

 In der Theorie Serie "Wagen oder klagen" wollen wir den experimentellen Charakter von Organisationen untersuchen. Dabei haben wir bereits festgestellt, das Organisation drei Sets an Prozessen benötigen um erfolgreich Experimentieren zu können.

  • Prozesse des Experimentierens,

  • Prozesse der Effectuation und

  • Prozesse des Change Managements.

 

In meinem letzten Theorie Beitrag bin ich ausführlicher auf die Prozesse des Experimentierens eingegangen. Der aktuelle Beitrag widmet sich den Prozessen der Effectuation.

 

Wie hat es Guy Kawasaki so schön gesagt

Entrepreneur ist keine Berufsbezeichnung. Es ist die Geisteshaltung von Menschen, die die Zukunft verändern möchten."

 

Da sind wir doch gleich beim Kernthema von mir - Zukunft gestalten. Bleibt nur noch eine Frage" Was bitte schön hat das jetzt mit dem Effectuation zu tun? Und was um Himmels Willen ist das überhaupt?

 

Gut, übereilen wir nichts, sondern fangen ganz von vorne an. Nämlich bei der Bedeutung des Wortes Effectuation. Das kommt erwartungsgemäß aus dem englischen und bedeutet ins deutsche übersetzt so was wie Verwirklichung oder Bewirkung. Da sich auch in der deutschen Fachliteratur der Begriff Effectuation durchgesetzt und etabliert hat, benutze ich den Begriff einfach so weiter.

 

Eine der wenigen Definitionen von Effecutation findet sich im Gabler Wirtschaftslexikon. „Der Effectuation-Ansatz beschreibt eine von (erfahrenen) Entrepreneuren eingesetzte Vorgehensweise zur Lösung von Problemen und zur Entscheidungsfindung.“ 

 

Es kann gut sein, das einige von euch den Begriff zum ersten Mal hören. Irgendwie ist er in der Praxis noch nicht so angekommen. Im Gegensatz zu den vielen anderen modischen Begriffen wie Design Thinking und Scrum. 

 

Seinen Ursprung findet der Begriff Effectuation bei Saras D. Sarasvathy. Im Zentrum ihrer Untersuchungen stand ganz allgemein das Unternehmertum als Expertise. Im Rahmen ihrer Studie wurden erfolgreiche und erfahrene Gründer untersucht. Sie wollte wissen wo liegen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Entscheidungsprozess bei der Firmengründung.  Sie beschreibt Effectuation als einen Zugang, dem ein Problembereich, ein Lösungsprozess, grundlegende Prinzipien und eine Logik zugrunde liegen. 

Im ersten Teil werden wir uns die Prinzipien und den Problembereich anschauen. 

 

 

(1) Die Prinzipien von Effectuation

Effectuation baut auf einige wenige Grundprinzipien auf. Nicht erschrecken, wir werden feststellen, dass es sich dabei keineswegs um "rocket science" handelt. Trotzdem lohnt es, sich intensiver mit diesen Prinzipien auseinander zu setzten.

 

Prinzip der Zukunftsorientierung

Wer die Zukunft gestaltet, braucht sie nicht vorherzusagen. Viele der vorherrschenden Managementmethoden dienen dazu, die Zukunft vorherzusagen. Sei es durch Ziel- oder Budgetvorgaben. Es geht immer darum die Zukunft vorherzusagen. Wieviel Umsatz wird mein Unternehmen in 2 Jahren machen? Um wieviel % kann ich mein EBITDA verbessern? Durch Zahlen und Ziele wird versucht die Zukunft vorherzusagen. Anders Effectuation, hier geht es nicht darum die Zukunft vorherzusagen, sondern aktiv zu gestalten. 

 

Prinzip der Mittelorientierung

Wie heißt das schöne Sprichwort, besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Das ist auch das Motto von Effectuation. Ausgangspunkt ist nicht das was das Unternehmen gerne mal sein möchte, wohin es sich entwickeln möchte. Sondern der Status-Quo, das was der Organisation hier und jetzt zur Verfügung steht.

 

Prinzip des leistbaren Verlusts

Wer nach unten schaut, stolpert nicht. Gerade als begeisterte Bergsteigerin kann ich das nur bestätigen. Doch geht es hier nicht um das Bergsteigen, sondern das ich als UnternehmerIn nur das in ein Projekt oder Vorhaben investiere, was ich auch bereit bin zu verlieren.

 

Prinzip der Partnerschaften

Tue gutes und rede darüber. Wer schon frühzeitig bereit ist in dein Vorhaben zu investieren ist ein guter Partner.

 

Prinzip der Umstände und Zufälle

Im klassischen Management haben Überraschungen keinen guten Ruf. Durch unzählige Risikoanalyse, Expertenwissen und sonstige kostspielige Absicherungsmethoden wird versucht jede Überraschung zu vermeiden. Aus dem einfachen Grund, eine Überraschung kann man nicht planen, also passt sie auch in keinen Plan. Effectuation sieht Überraschungen nicht als potentielle Gefahr, sondern als potentielle Chance.  So wird der Zufall zu einem wichtigen Begleiter des Effectuation. 

 

Geht es dir so wie mir. Auf der einen Seite klingen die Prinzipien so unwirklich im hart kalkulierten Management Alltag. Auf der anderen Seite, ist doch alles ganz logisch und sagt einem doch eh der Hausverstand. Kann es sein, das es da einen Unterschied macht ob ich aus der Perspektive der Privatperson oder der ManagerIn agiere? 

 

(2) Der Problembereich von Effectuation

Der ein oder andere mag jetzt die berechtigte Fragen stellen "warum brauchen wir noch einen neuen Management Ansatz?" Gute Frage, den seien wir ehrlich, die Managementliteratur ist voll von diversen Praktiken, Ansätzen und Modellen. Bei der genaueren Betrachtung, können wir feststellen, dass die Ansätze darauf ausgerichtet sind in einem bekannten Handlungsfeld zum Einsatz zu kommen. Wie schaut es also aus, wenn die Organisation nun nicht mehr im bekannten Handlungsfeld agiert? Weil sich die Märkte ständig im Wandel befinden. Weil der technologische Fortschritt schnell voran schreitet und weil die Sicht nach vorne immer unklarer wird. Kurz  welche Methoden helfen wenn mehr und mehr komplexe Entscheidungen in einem unsicheren oder gar unbekannten Umfeld zu treffen sind?

 

An dem Punkt stehen meiner Beobachtung nach gerade viele Organisationen. Die gut beherrschten Methoden sind nicht ausgerichtet für ein Umfeld in dem Unsicherheit herrscht und Komplexität ständig zunimmt. Ein Umfeld in dem wenig bis gar keine Erfahrungswerte vorliegen und die Sicht nach vorne sehr vom Nebel umgeben ist.  

 

Somit ist Effectuation keine zusätzliche Methode, die sich in die Reihe der vielen Anderen einordnet. Sondern eine Methode, eine Herangehensweise, die dann zum Einsatz kommen kann, wenn die Organisation komplexe Entscheidungen in einem unsicheren oder unbekannten Umfeld fällen muss. So wie das bei der Unternehmensgründung eben oft der Fall ist. Aber auch in der VUCA Welt immer regelmäßiger der Fall ist.

 

Somit sollte immer zuerst geklärt werden in welchem Problembereich ich mich befinde. Kenne ich das Umfeld, gibt es genügend Erfahrungswerte auf die ich zurück greifen kann? Ist eine ausreichende Basis an Zahlen, Daten und Fakten vorhanden um die gut funktionierenden Management Tools zu füttern? Wenn ja, dann auf die alt bewährten Methoden zurück greifen. Hier planen wir zielgerichtet die Zukunft und es absolut keinen Sinn auf Effectuation als Methode zurück zu greifen.

 

Wenn aber viele Variablen vorhanden sind. Keine oder nur ungenügende Erfahrungswerte vorliegen, eine solide Entscheidungsbasis also nicht vorhanden ist. Dann werde ich als ManagerIn über kurz oder lang mit meinem traditionellen Methoden Set scheitern. Hier braucht es neue, andere Methoden mit denen ich die Zukunft gestalten kann. Das ist genau dann der richtige Problembereich um Effectuation zum Einsatz zu bringen.

 

Im zweiten Teil wollen wir uns dann die Logik und den Prozess von Effectuation genau anschauen. Also dran bleiben am Thema, es bleibt spannend. Den hier wird die Zukunft gestaltet.

 

Literaturliste:

Govindarajan, V., & Trimble, C. (2004). Strategic Innovation and the Sience of Learning. MIT Sloan Management Review, 45(2), 67–75.

Grichnik, D., & Gassmann, O. (2013). Das unternehmerische Unternehmen: Revitalisieren und Gestalten der Zukunft mit Effectuation - Navigieren und Kurshalten in stürmischen Zeiten (2013. Aufl.). Wiesbaden: Springer Gabler.

Sarasvathy, S. D. (2003). Entrepreneurship as science of the artificial. Journal of Economic Psychology, 24(2), 203–220.

Sarasvathy, S. D. (2009). Effectuation: Elements of Entrepreneurial Expertise. Edward Elgar Publishing Ltd.

 

 

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