Fragen wir doch mal den Hausverstand

June 26, 2017

Letztens war ich auf einer Veranstaltung des PFI (Plattform für Innovationsmanagement. Thema war Neue Innovationsmodelle, hat Stage Gate ausgedient? Im Rahmen der Veranstaltung wurde auf die neuen Methoden wie Design Thinking, Scrum oder Lean StartUp Bezug genommen. Im Zentrum stand die Frage ob und wie die neuen Methoden mit dem traditionellen Stage Gate Prozess zu vereinbaren sind. In der Mittagspause ergab sich dann an meinem Stehtisch ein interessantes Gespräch. Ein netter und erfahrene Herr im Bereich des Innovationsmanagement wagte eine mutige Aussage. "Das ist doch eh alles nur angewandter Hausverstand!". Ich habe lange über die Aussage nachgedacht. Um ehrlich zu sein beschäftigte sie mich die komplette zwei Stündige Heimfahrt. Sicherlich, wenn ich so darüber nachdenke stimmt es. Bei zwei Praxisbeispielen dachte ich mir auch, das mach ich doch eh schon so. Ohne externe Beratung, ohne Schulung. Einfach nur nachgedacht und den Hausverstand angewendet. Allerdings, wenn es doch nur der angewandte Hausverstand ist, warum haben dann gerade viele Organisationen mit der Umsetzung der Methoden zu kämpfen? Den das war auch eine Feststellung. Viele probieren hier und da mal die neuen Methoden aus. So richtig ganzheitlich umgesetzt haben sie die wenigsten. Der Grund, ganz einfach, es passt nicht in die Kultur der Organisation. Bevor wir diesen durchaus interessanten Gedanken weiterverfolgen, erst mal eine kurze Pause. Schauen wir uns doch ganz kurz an, was es mit den Methoden überhaupt auf sich hat. 

 

(1) Design Thinking

Mit dem Design Thinking Ansatz sollen Problemlösungen gefunden werden. Ziel ist es zuerst mal so viele Ideen wie möglich zu generieren, bevor dann selektiv mit einzelnen Ideen weitergearbeitet wird. Ein wichtiger Faktor in der Problemlösung ist das Interdisziplinäre. In einem Design Thinking Workshop sollen Mitarbeiter unterschiedlicher Bereiche gemeinsam an der Problemlösung und Ideenfindung arbeiten. Für den Design Thinking Prozess selber gibt es mehrere Varianten. Pragmatisch gedacht und mit angewandten Hausverstand lassen sich drei Hauptprozesse ausfindig machen. 

  • Exploration & Insights: Welche Bedürfnisse, Wünsche hat der Kunde. Dabei gibt es verschiedene Tools wie die Insights gewonnen werden können. Sei es durch Interviews, Shadowing, und vieles mehr. Die Ergebnisse werden in einem zweiten Schritt zu Kernaussagen verdichtet. 

  • Ideation & Conception: Alt bekannte Kreativitätstechniken kommen zum Einsatz um viele Ideen zu generieren. Dabei ist schon der Anspruch das diese verrückt und "out of the box" sind. Relevante Ideen werden in einem nachgelagerten Schritt konkretisiert und einer Machbarkeit- und Marktfähigkeitsprüfung unterzogen. 

  • Prototyp & Testing: Die bereits konkretisierten und überprüften Ideen werden anhand eines Prototypen dargestellt und Feedback des Kunden eingeholt. Wichtig ist zu beachten, dass es sich bei dem Prototypen um kein fertiges oder gar technisches Produkt handelt. Die Prototypen werden oft mit Lego oder anderen Utensilien aus dem Bastelshop gebaut. 

 

(2) Scrum

Scrum findet seinen Ursprung im Rugby. In die Geschäftswelt hat es Scrum geschafft durch die Tür der Software Entwicklung. Im Prinzip handelt es sich bei Scrum um einen agilen Produktentwicklungsansatz. Im Gegensatz zum traditionellen Lasten- und Pflichtenheft wird bei Scrum iterativ gemeinsam mit dem Kunden entwickelt. Kurze 2-4 wöchige Entwicklungszyklen in denen das Entwicklerteam mit allen für die Entwicklung notwendigen Skills versehen, zu 100% an der Umsetzung arbeitet. Wieviel, sprich wie viele Anforderungen in einem Entwicklungszyklus umgesetzt wird, entscheidet das Entwicklerteam selber. Der Kunde, vertreten durch den Product Owner verwaltet die Anforderungen, priorisiert diese und kann nach jedem Entwicklungszyklus neue Anforderungen hinzufügen oder bestehende Anforderungen ändern. 

 

(3) Lean StartUp

Die Methode wurde von Eric Ries entwickelt und hat ihre Wurzeln in der StartUp Szene. Im Kern geht es darum wie mit wenig Kapitaleinsatz eine neue Firma oder ein neues Produkt auf den Markt gebracht werden kann. Ziel ist es schnell zu lernen, um eine Fehlinvestition zu einem möglichst frühen Zeitpunkt zu erkennen. So entspricht die Lean StartUp Methode einem Lernprozess. Iterativ und in kürzen Zyklen wird die Idee zu einem ersten Prototypen entwickelt. Dabei geht es nicht darum, die super highend Version parat zu haben. Sondern einen einfachen ersten, mit rudimentären Grundfunktionen ausgestatteten Prototypen. Dieser wird einer ausgewählten Zielgruppe zur Verfügung gestellt. Aus den gewonnenen Daten und Erkenntnissen kann der Prototyp weiter entwickelt werden. So wird das Risiko bei einer Neugründung oder einem Produktlaunch vermieden, dass jahrelang ein Produkt entwickelt wird, das zwar super ist, aber eigentlich keiner haben will.

 

Jetzt aber genug von unserem kleinen Ausflug in die Methodenlandschaft. Ich bin mir sicher, der ein oder andere wird dem netten Herren zustimmen. Im Prinzip alles nur angewandter Hausverstand. Dann gehen wir der noch offenen Frage nach, warum passt der angewandte Hausverstand dann nicht in viele Organisationen? Alle drei Methoden haben einiges gemeinsam. Es wird interdisziplinär mit dem Kunden gemeinsam an einer Problemlösung gearbeitet. Dazu müssten viele Organisationen erst mal die verkrusteten und eingefahrenen Silostrukturen in ihren Organisationen aufbrechen. Das der Kollege aus dem Business und die IT Programmierer gemeinsam über Wochen an einem Produkt oder einer Lösung arbeiten, das bringt mir doch ein Schmunzeln auf die Lippen. Wichtig ist auch die Fokussierung. Die Entwickler arbeiten nicht an fünf Dingen gleichzeitig, sondern können sich voll auf die vor ihnen liegende Aufgabe konzentrieren. Es müssen nicht noch dringende Störfälle aus dem Alltagsgeschäft behandelt werden oder auf fünf verschiedenen Projekten das Entwicklertanzbein geschwungen werden. Hinzu kommt, dass wir es in unseren Organisationen verlernt haben, einfach mal etwas auszuprobieren ohne beim Start schon ganz genau zu wissen, wohin die Reise gehen wird. 

 

Ja, es ist vieles von den neuen Methoden nur angewandter Hausverstand. Aktivieren wir doch wieder gemeinsam den Hausverstand in unserer Organisation.

 

 

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