Sinn 1.0 oder (Un)sinn?

May 5, 2017

Die Nummernlogik ist gerade voll im Trend. Industrie 4.0, Führung 1.0, Arbeit 4.0. Nicht zu vergessen, Berater 4.0. Da darf man sich schon mal zwischendurch Fragen, wo bitte schön ist der Sinn der ganzen Nummernlogik? Dabei ist die Sinnfrage ja nun wirklich keine leichte. Viele große Namen haben sich schon daran versucht, allen voran Immanuel Kant. Vielleicht grübelt der junge Mann im grünen Hemd ja gerade über den vier kantischen Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?

 

 Das zumindest würde seinen Gesichtsausdruck ein klein wenig erklären können. Es kann jedoch auch gut sein, das die Sache viel banaler und bei weitem nicht von lebensumfassender Tiefe ist. Wer weiß, vielleicht fragt er sich einfach auch nur "was mache ich da eigentlich?". Seien wir ehrlich, wer von uns hat sich diese Frage nicht schon gestellt. Montag morgens, so kurz nach 09:00 Uhr. Die erste Tasse Kaffee ist bereits intravenös eingenommen, bevor wir die 120 nicht bearbeiteten Emails der letzten Woche ganz selektiv in den dafür vorgesehenen Papierkorb verschieben. Ganz elektronisch, versteht sich doch von selber im Zeitalter 4.0 der Arbeit. Ups, schon ist es passiert, so ganz klammheimlich, durch die Hintertür, hat sich die Sinnfrage in die Geschäftswelt eingeschlichen.

 

Sinn 0.0 oder das Unternehmen mit Sinn

Zuerst kam der Sinn Angriff auf die Unternehmen von außen. 2009 erreichte das Konsumentenvertrauen seinen Tiefpunkt. Unternehmen wurden nicht als vertrauensstiftend wahrgenommen, sondern im Gegenteil, als Vertrauenskonsumenten. Geplatzte Immobilienblase, immer neue Skandale, ganz ehrlich, wundern dürfen sich die Verantwortlichen hinter den großen schweren Holzschreibtischen da nicht. Sie haben es aber ehrlich auch nicht einfach. Ist es doch eine Hauptaufgabe der CEO's den "Return on Stakeholder" zu optimieren. Da muss man bei konkurrierenden Zielen schon mal Prioritäten setzten, keine Frage. Daher beneide ich die CEO's nicht um ihre Aufgabe. Zumal wir in einer immer komplexer werdenden Welt leben, wie auch schon mein Beitrag "Sind wir nicht alle ein bisschen VUCA" aufzeigt. 

Um das Vertrauen der Konsumenten zurück zugewinnen haben Unternehmen intensiv an ihrem Sinn gearbeitet. Nicht wenige Unternehmen mussten im Kern wieder mit einem Sinn ausgestattet werden. Der Frage nach dem "Warum" gerecht werden. Dabei stehen die folgenden Fragen im Vordergrund:

  • Was ist der Zweck des Unternehmens, warum gibt es das Unternehmen? 

  • Worin liegen die Ursprünge des Unternehmens - wie und warum wurde das Unternehmen gegründet?

  • Wer gründete das Unternehmen und welche Ziele hatten die Gründer?

  • Welcher Zweck nimmt Bezug auf alle Stakeholder und das Umfeld in dem das Unternehmen arbeitet?

  • Wie versteht sich das Unternehmen bezüglich der Gesellschaft und was tut es um einen gemeinsamen Zweck zu erzeugen?

Organisationen, die sich auf die Suche nach ihrem Zweck begeben, erkennen an, dass es eine gegenseitige Abhängigkeit von Geschäftswelt und Gesellschaft gibt. Seien wir ehrlich, viele positive Entwicklungen in unserer Gesellschaft hätten ohne den Geschäftssinn so nicht stattfinden können. Doch auch ohne Gesellschaft und ihrer Interessen, hätten viele Geschäfte in den letzten Jahren nicht so erfolgreich sein können. Gesellschaftliche Anforderungen zwangen Organisationen nach neuen, innovativen Lösungen zu suchen. Wichtig ist zu differenzieren, dass es sich bei dem Zweck nicht um einen rein wirtschaftlichen Zweck handelt. Gewinn zu erwirtschaften oder den Cash Flow zu verbessern sind nicht Zweck einer Organisation. 

Organisationen die sich den obigen Fragen stellen und diese in aller Sorgfalt und Ernsthaftigkeit beantworten,können von ihren Kunden und der Gesellschaft in der sie agieren anders wahrgenommen werden. Wie der "Golden Circle" von Simon Sinek zeigt, können Organisation dann positive Emotionen bei ihren Kunden erzeugen, wenn diese auf der Ebene des Zwecks angesprochen werden. Kunden kaufen das Produkt nicht primär wegen den super tollen Funktionen. Ehrlich, da unterscheiden sich heute die wenigsten Produkte. Und als Kunde kann ich sehr einfach die Funktionen vergleichen und entsprechende Meinungen von anderen Kunden einholen. Die lange Liste an tollen Funktionen ist kein Differenzierungsmerkmal mehr. Vor allem im Commodity Bereich. So ist der Unternehmenszweck zu einem wichtigen Differenzierungsmerkmal geworden. Damit steht Sinn 0.0 für die Hausaufgaben von Organisationen. Wenn Sinn 0.0 die Pflicht ist, was bitte schön ist dann die Kür? 

 

Sinn 1.0 oder Arbeit darf auch einen Sinn haben

Während Sinn 0.0 vorerst eine reine Außenwirkung hat fokussiert sich Sinn 1.0 auf das innere der Organisation. Erst im April 2017 war ein online Artikel im Harvard Business Manager mit dem Titel "Jeder hat ein Recht auf sinnvolle Arbeit" erschienen. Hinter dem provokanten Titel verbirgt sich der Gedanke,  dass es die Mission von Organisationen ist Lösungen anzubieten, die das Leben von ganz gewöhnlichen Menschen, also von dir und mir, verbessern. Das es nicht nur sinnvoll ist solche Lösungen zu entwicklen sondern an der Entwicklung dieser beteiligt zu sein. Sinn der Arbeit entsteht dann, wenn Mitarbeiter die Möglichkeit haben aktiv an der Lösung mitzuarbeiten, sich einzubringen und ihren Beitrag zu leisten. Dieser Umstand bringt eine ganz neue Fragestellung mit sich. Wie kann es Organisationen gelingen, so viele Mitarbeiter wie möglich in die Lösungsfindung einzubinden? Die Beantwortung dieser Fragestellung ist derzeit noch die Kür für Organisationen. Viele sind noch mit der Pflichtübung beschäftigt und haben keine Zeit für die Kür. 

Ich glaube, dass in ein paar Jahren die Kür zur Pflicht wird. Gut beraten sind dann jene Organisationen die schon einen Hacken an der Hausübung haben und beginnen sich jetzt mit der Kür zu beschäftigen. Warum traue ich mir eine solche Aussage zu? Sicherlich ist das eine reine Hypothese. Faktum ist aber, dass die Arbeitswelt sich wandelt. Digitalisierung, Vernetzung, all das bewirkt das Organisationsgrenzen flexibel werden. Auch innerhalb der Organisation werden vermehrt neue Arbeitsformen Einzug halten. Flexibilisierung der Arbeitszeiten, Home Office - arbeiten wann ich will und wo ich will. Arbeiten in virtuellen oder gar fluiden Teams. Diese neue Arbeitswelt bringt viele Vorteile aber auch Risiken mit sich. So wird es in Zukunft schwerer werden den dezentral Verteilten Mitarbeitern von Organisationen ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu vermitteln. In einer Zeit in der sich lang gewohnte Arbeitsstrukturen auflösen benötigen die Mitarbeiter Orientierung. Sinn, Identifikation und gemeinsame Zukunftsbilder helfen dabei, diese zu geben. Nicht von ungefähr beschäftigt sich die Ausgabe 1/17 der Fachzeitschrift OrganisationsEntwicklung im Schwerpunkt mit dem Thema "Organisationen suchen ihren Sinn" Den es wird eine wesentliche Führungsaufgabe sein, den Sinn der Organisation über alle Dynamik und Veränderung in der Organisation sichtbar, erlebbar und spürbar zu machen.  

 

 Was bedeutet das nun ganz praktisch für mich als Gestalter und Entwickler von Organisationen. Zum Einen, das ich nicht einfach und wie wild neue Arbeitsformen einführe. Nur weil es gerade "in" ist und die anderen in der Branche auch Homeoffice und virtuelles Arbeiten einführen, heißt das noch lange nicht, dass ich Erfolgreich damit sein werde. Ich muss zuerst gründlich prüfen ob grundlegende Voraussetzungen geschaffen worden sind. Hat die Organisationen ihren Zweck erkannt? Ist dieser nicht nur Marketing Technisch für Kunden aufbereitet sondern auch in der Organisation selber verinnerlicht und wird gelebt? Kann in den neuen Strukturen sichergestellt werden, dass viele Mitarbeiter die Möglichkeit haben sich an den Problemlösungen zu beteiligen? Für Organisationen die sich bisher noch nicht mit der Kür beschäftigt haben ist es Unsinn neue Arbeitsformen einzuführen. Vor allem wenn dies nur aus Prestigegründen passiert, weil die anderen das in der Branche auch halt auch tun.

Zum Anderen muss ich als Organisationsentwickler und Gestalter darauf achten, dass auch neue Arbeitsformen wie Home Office oder virtuelles Arbeiten die Möglichkeiten für Mitarbeiter bieten, sich an Problemlösungen aktiv zu beteiligen. Generell gilt es nicht blind darauf los zu marschieren, sondern bedacht einen Schritt nach den anderen zu setzten und nicht schon den letzten Schritt vor dem ersten zu machen. 

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